Georg Zirnkilton                       An Fräulein Karolina D..

1792 - ?

Daß, an Jugendblüthen einst verdorrt,

Sich dem Wangenpaar die Gluth entwöhne,

Trau’re nicht, und Deine Zukunft kröne

Jetzt schon mit des Herzens Demanthort!

 

Geistesbildung lebt in ew’ger Schöne

Trotz der Jahre unzerstörbar fort.

Niemals trügen jene Zaubertöne,

Die Dir zuruft hohes Musenwort.

 

Schönheit fesselt nur auf Augenblicke,

Schwindet schnell, wie eine Luftgestalt.

Geist nur widersteht in Allgewalt.

 

Schätze, die man in des Lebens Lenze

Sich erwarb, raubt nicht des Winters Tücke.

Unverwelklich blüh’n der Seele Kränze!

 

 

 

Georg Zirnkilton                       Über den Gräbern

1792 - ?

1.

 

Könnt ihr sie hören drunten meine Klage,

Fühlt ihr das Brennen herzentquollner Thränen,

Und spricht zu euch hinab das heiße Sehnen,

Und was ich dichte, sinne, bebend wage;

 

O dann erkennt aus meines Busens Schlage,

Wie gern ich mag an diesen Urnen lehnen,

Wo alle Stürme schwach die Schwingen dehnen,

Die Nacht entkeimt zu ewiglichtem Tage!

 

Ich schmiege mich mit Lust an diese Hügel,

Und fühle meine Welt hier aufgethan;

Schon schreitet frei der Geist die Sternenbahn,

 

Und löst vom Himmelsaal das Zaubersiegel.

In’s Land der Heimath bin ich eingegangen,

Befriedigt ist mein Hoffen, mein Verlangen!

 

 

2.

 

Fort, fort von Hier aus dieser engen Klause,

Hinauf zum Göttersitz der Uraniden!

Fort aus dem Norden zu der Glut des Süden!

Zerbrich du Bau von diesem Kerkerhause!

 

Fort, fort aus dieser lästigen Karthause,

Wo von dem höhern Leben abgeschieden

Ein knechtisch Loos despotisch will gebieten,

Die Geister fesselt kettenstarre Pause!

 

Leicht wird der Abschied aus beengtem Thale

Dem Pilger zu dem freien Bergeshöhen;

dort sieht er reifen seine Ideale,

 

Die nur in Dämm’rung hier den Sinn umwehen.

Dort wird dem Aug’ der Schleier weggenommen.

Fort, fort! der Tag der Freiheit ist gekommen!